Tokenisierung im Kapitalmarkt: Use Cases, Vertrauen und regulierte Liquidität zählen

In der aktuellen Episode unseres Podcast «Inside Digital Assets» ist Roger Darin, Head of Brokerage und Mitglied der Geschäftsleitung der Incore Bank, zu Gast bei Host Lidia Kurt. Gemeinsam ordnen sie ein, wie sich Digital Assets in bankennahe Prozesse integrieren lassen, welche Hürden noch existieren und warum ein regulierter Sekundärhandel ein zentraler Baustein für die Weiterentwicklung tokenisierten Vermögenswerten ist.
Vom Technik-Hype zu wirtschaftlichen Zielen: Was sich im Markt verändert hat
Roger Darin beschreibt, dass Banken anfangs häufig aus Innovations- oder Marketingmotiven in den Krypto- und Digital-Asset-Bereich eingestiegen sind. Heute verschiebt sich der Fokus: Immer mehr Marktteilnehmer verfolgen konkrete wirtschaftliche Ziele. Es geht weniger um Symbolik, sondern darum, welche Kundenbedürfnisse Digital Assets im Bankensystem tatsächlich bedienen können, idealerweise eingebettet in bestehende Prozesse und innerhalb technologieneutralen regulatorischen Vorgaben.
Tokenisierte Wertpapiere: Von frühen Strukturen zur Vision „durchlässiger Systeme“
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Entwicklung von tokenisierten Wertpapieren über mehrere Jahre hinweg. Frühere Strukturen waren teilweise noch stark eingeschränkt: Token konnten zwar existieren (inklusive ISIN und OTC-Handel), durften aber unter Umständen das regulierte System nicht verlassen – etwa durch Klauseln, die einen Token bei Transfer auf eine private Wallet „vorübergehend ungültig“ machten.
Die Perspektive: Die Reise geht in Richtung Durchlässigkeit. Roger Darin skizziert eine Vision, in der ein Unternehmen (z. B. ein Startup) Token ausgeben kann – zunächst vielleicht direkt über die eigene Website – und derselbe Token später an einem regulierten Handelsplatz gehandelt wird. Diese Durchlässigkeit zwischen Ausgabe, Verwahrung und Sekundärhandel gilt als Schlüssel, um tokenisierte Finanzinstrumente skalierbar zu machen.
KYC/AML und Einlieferung ins Bankensystem: Die nächste Hürde
Auch wenn die Technologie reift, bleiben operative und regulatorische Fragen:
- Wie gelingt die Einlieferung eines Tokens in ein Bankensystem, bevor er an einem regulierten Handelsplatz gehandelt werden kann?
- Welche Rolle spielen Decentralized Exchanges (DEXs) und wie bewertet man die Herkunft eines Tokens?
- Wie weit sind Banken heute mit der Akzeptanz von Einlieferungen, nicht nur bei Bitcoin, sondern künftig auch bei Aktientoken oder Asset Token?
Roger Darin betont, dass Banken in den letzten Jahren Kompetenzen in der Blockchain-Analyse aufgebaut haben (Transaktionshistorie, Risikosignale, Herkunftsprüfung) und dass sich diese Fähigkeiten auf neue tokenisierte Assetklassen übertragen lassen.
Primärmarkt und Funding: Was ICOs 2017 gelehrt haben
Ein Teil des Gesprächs widmet sich der Frage, wie Unternehmen künftig Kapital aufnehmen könnten. Während klassische Finanzierungswege typischerweise über Angel-Investoren, Venture Capital und später ein IPO führen, hatte Krypto historisch die Tendenz, Intermediäre auszuschalten. Das zeigte sich besonders in der ICO-Welle 2017: Ohne Filter zwischen Projekten und Investoren scheiterten zahlreiche Vorhaben, nicht zuletzt wegen falscher Anreize und fehlender Prüfung.
Die Einordnung in der Episode: Token-Ausgaben werden professioneller, und neue Kanäle könnten Reichweite und Kapitalaufnahme global machen. Gleichzeitig entstehen neue Fragen: Wer übernimmt die Identifizierung (KYC)? Welche Prüf- und Transparenzstandards erwarten Investoren auf einem regulierten Markt, ohne dass Banken oder Handelsplätze eine „Investment-Garantie“ abgeben können?
Custody vs. Self-Custody: Praktikabilität, Verantwortung und Kosten
Beim Thema Verwahrung beschreibt Roger Darin den Zielkonflikt zwischen Selbstverwahrung (Self-Custody) und bankbasierter Custody:
- Bankverwahrung bringt Routine im Umgang mit Vermögenswerten, erleichtert Erb-/Nachlassprozesse und ermöglicht häufig schnellere Transaktionen innerhalb des regulierten Systems.
- Self-Custody kann bei kleineren Positionen kostenseitig attraktiv sein, wenn Depot- oder Grundgebühren Investments unverhältnismäßig belasten.
Damit skizziert das Gespräch ein realistisches Zukunftsbild: Hybride Modelle sind plausibel – etwa, dass bestimmte Assets selbstverwahrt werden, während Banken bei Identität, Wiederherstellung, Compliance und Brücken ins regulierte System eine Rolle behalten.
Tokenisierung: Nicht die Form zählt, sondern der Use Case
Ein Kerngedanke der Folge lautet sinngemäss: Für Investoren ist es oft nicht entscheidend, ob eine Aktie wie Apple oder Tesla als Token oder in traditioneller Form existiert – relevant wird es erst dann, wenn tokenisierte Assets zusätzliche Funktionen ermöglichen.
Roger Darin nennt hier vor allem Smart Contracts, Interaktionen mit unbekannten Gegenparteien („trust but verify“) und mögliche Use Cases, die in traditionellen Systemen so nicht abbildbar sind. Gleichzeitig weist er auf Trade-offs hin: Blockchain bringt Vorteile, aber auch Nachteile – etwa beim Tempo im Vergleich zu zentralen Datenbanken. Tokenisierung wird sich dort durchsetzen, wo der zusätzliche Nutzen klar ist; andernfalls bleibt sie eine Nischenlösung.
Warum ein regulierter Sekundärmarkt ein „Cornerstone“ sein kann
Für die Skalierung tokenisierter Wertpapiere wird im Gespräch die Rolle eines regulierten Sekundärhandelsplatzes betont. Ohne Handel und Liquidität bleibt ein Token-Ökosystem klein, vergleichbar mit einem geschlossenen Kreis, in dem Token nur innerhalb einer Bank oder einer proprietären Plattform zirkulieren.
Die zentrale Aussage: Je mehr Marktteilnehmer und Investoren an einen Handelsplatz angeschlossen sind, desto grösser die Chance auf Liquidität und damit auf einen funktionierenden Markt. In diesem Kontext wird ein gesamtschweizerischer, regulierter Handelsplatz für Token als wesentlicher Baustein für Vertrauen und Marktentwicklung beschrieben.
Jetzt die vollständige Episode hören: Inside Digital Assets mit Host Lidia Kurt und Gast Roger Darin (Incore Bank):
Aktuelles von BX Digital
In der aktuellen Episode unseres Podcast «Inside Digital Assets» ist Roger Darin, Head of Brokerage und Mitglied der Geschäftsleitung der Incore Bank, zu Gast bei Host Lidia Kurt.
In der Auftaktfolge von Inside Digital Assets spricht Host Lidia Kurt mit Dr. Matthias Voelkel, über Tokenisierung in den Kapitalmärkten, Post-Trade-Settlement und darüber, warum Europas Marktinfrastruktur weiterhin stark fragmentiert ist.