Wie Tokenisierung von der Idee zur Kapitalmarktinfrastruktur wird

Tokenisierung ist im Kapitalmarkt längst mehr als ein theoretisches Zukunftsthema. In der aktuellen Episode von Inside Digital Assets spricht Lidia Kurt mit Roland Chai, President European Market Services bei Nasdaq und Global Head of Digital Asset Initiatives, über tokenisierte Assets, Distributed-Ledger-Technologie und die Rolle regulierter digitaler Börseninfrastruktur.
Im Zentrum des Gesprächs steht eine Entwicklung, die für institutionelle Marktteilnehmer zunehmend relevant wird: Blockchain und DLT werden nicht nur als technologische Grundlage für einzelne Kryptowährungen betrachtet, sondern als mögliche Infrastrukturschicht für Handel, Abwicklung, Verwahrung, Collateral Management und Asset Servicing in regulierten Kapitalmärkten.
Tokenisierte Assets und DLT im Kapitalmarkt
Tokenisierung beschreibt die digitale Abbildung von Vermögenswerten auf einer Distributed-Ledger-Technologie. Rechte, Eigentum und Transaktionen können dadurch in einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur erfasst und verwaltet werden. Im Podcast betont Roland Chai, dass der grösste Effekt der Tokenisierung nicht zwingend im eigentlichen Handel liegt, sondern vor allem in den Prozessen rund um die Wertschöpfungskette von Finanzinstrumenten.
Besonders relevant sind aus seiner Sicht Post-Trade-Prozesse, Sicherheiten, bilanzrelevante Wertpapiere sowie der gesamte Lebenszyklus eines Assets. Programmierbare Vermögenswerte und Smart Contracts können dazu beitragen, Abläufe im Asset Servicing effizienter zu gestalten – vorausgesetzt, sie sind in belastbare regulatorische, rechtliche und operative Rahmenbedingungen eingebettet.
Warum strukturierte Produkte ein geeigneter Startpunkt sind
Ein Schwerpunkt der Episode ist die Frage, welche Assetklassen sich für erste Anwendungen tokenisierter Kapitalmarktinfrastruktur eignen. Roland Chai verweist dabei auf strukturierte Produkte. Gerade in Europa ist deren Emission über mehrere Jurisdiktionen hinweg oft komplex und kostenintensiv.
Als Beispiel nennt er die nordischen Märkte Dänemark, Finnland und Schweden. Obwohl Handel und Listing dort harmonisiert sind, bestehen weiterhin unterschiedliche nationale Zentralverwahrer. Für Emittenten kann das bedeuten, dass ein Produkt in mehreren Märkten separat emittiert werden muss. Tokenisierung könnte hier helfen, Prozesse stärker zu skalieren und die Emission über Märkte hinweg effizienter zu gestalten.
Strukturierte Produkte bieten sich laut Roland Chai auch deshalb als Startpunkt an, weil das Ökosystem vergleichsweise klar abgegrenzt ist. Typischerweise sind ein Emittent, mehrere Market Maker sowie Retail-Broker oder Vertriebskanäle beteiligt. Dadurch lassen sich mögliche Effizienzgewinne bei Emission, Abwicklung und Marktzugang gezielter adressieren.
Digitale Vermögenswerte zwischen Krypto-Infrastruktur und reguliertem Handel
Das Gespräch ordnet zudem Entwicklungen in Europa und den USA ein. In den USA arbeitet Nasdaq laut Roland Chai an einem issuer-approved Equities Token Framework. Dabei sollen tokenisierte Aktien mit dem zugrunde liegenden Wertpapier fungibel sein und innerhalb des bestehenden regulierten Marktumfelds funktionieren.
Auch die Partnerschaft mit Kraken wird im Podcast thematisiert. Roland Chai beschreibt das Ziel, digitale native Marktinfrastruktur stärker mit der Liquidität, Transparenz und Preisfindung etablierter regulierter Märkte zu verbinden. Entscheidend sei nicht der Aufbau paralleler Liquiditätspools, sondern eine Annäherung unterschiedlicher Infrastrukturen.
Interoperabilität als Voraussetzung für Skalierung
Ein wiederkehrendes Thema der Episode ist das Risiko neuer digitaler Silos. Für Roland Chai sind Fungibilität und Interoperabilität zentrale Voraussetzungen, damit tokenisierte Märkte skalieren können. Tokenisierte Assets sollten zwischen Wallets, Verwahrstellen, Zentralverwahrern und verschiedenen Netzwerken übertragen werden können.
Standards spielen dabei eine Schlüsselrolle. Im Gespräch werden unter anderem Standardisierungsbemühungen von DTCC, Euroclear und Clearstream erwähnt. Auch technische Kompatibilität, etwa mit EVM, Canton oder FIX, wird als wichtiger Bestandteil einer interoperablen digitalen Kapitalmarktinfrastruktur eingeordnet.
Von Experimenten zur institutionellen Anwendung
Roland Chai beobachtet eine deutliche Verschiebung im Markt. Während die vergangenen Jahre stark von Proofs of Concept und Pilotprojekten geprägt waren, rücke nun die Umsetzung stärker in den Vordergrund. Broker-Dealer, Market Maker, ETF-Emittenten und institutionelle Asset Manager beschäftigten sich zunehmend mit Plänen zur Tokenisierung von Assets und Sicherheiten.
Gleichzeitig macht die Episode deutlich, dass breite Adoption Zeit benötigt. Regulatorische Rahmenbedingungen, Rechtssicherheit, Bildung im Markt und operative Resilienz bleiben entscheidend. Für Europa stellt sich laut Roland Chai insbesondere die Frage, wie bestehende Ansätze wie MiCA und das DLT Pilot Regime weiterentwickelt werden können, um institutionelle Skalierung zu ermöglichen.
Zentrale Erkenntnisse
Die Podcast-Episode zeigt Tokenisierung vor allem als Infrastrukturthema. Entscheidend ist nicht allein, welche Vermögenswerte künftig tokenisiert werden, sondern wie digitale Wertpapiere sicher gehandelt, verwahrt, abgewickelt und über ihren Lebenszyklus hinweg verwaltet werden können.
Für blockchain-basierte Kapitalmärkte bleibt damit die Verbindung aus regulierter Handelsinfrastruktur, Post-Trade-Innovation, Interoperabilität und rechtlicher Klarheit zentral. Tokenisierte Assets dürften über mehrere Jahre parallel zu traditionellen Strukturen bestehen. Die Richtung der Entwicklung ist jedoch klar: Der Fokus verschiebt sich von Experimenten hin zu Umsetzung, Skalierung und institutioneller Nutzung.
FAQ
Aktuelles von BX Digital
Nasdaq-Manager Roland Chai über tokenisierte Assets, DLT, regulierten Handel und digitale Kapitalmarktinfrastruktur.
Frank Seibold spricht über tokenisierte Assets, Blockchain-Daten, Interoperabilität und regulierte digitale Marktinfrastruktur.