Europas Post-Trade-Problem: Ein Gespräch mit Matthias Voelkel

In der Auftaktfolge von Inside Digital Assets spricht Host Lidia Kurt (CEO von BX Digital und Seturion) mit Dr. Matthias Voelkel (CEO der Boerse Stuttgart Group), über Tokenisierung in den Kapitalmärkten, Post-Trade-Settlement und darüber, warum Europas Marktinfrastruktur weiterhin stark fragmentiert ist.
Das Interview wurde auf Englisch geführt.
Das Gespräch verbindet die strategische Perspektive mit der operativen Realität: T+2-Settlementzyklen, hohe Post-Trade-Kosten und komplexe grenzüberschreitende Prozesse. Matthias und Lidia skizzieren ein Zielbild, in dem das Trading weitgehend unverändert off-chain bleiben kann, während sich die Settlement-Layer durch DLT (Distributed-Ledger-Technology) zu einem offeneren, pan-europäischen Modell weiterentwickelt.
Die Kernherausforderung: ein fragmentierter europäischer Kapitalmarkt
Ein zentrales Thema dieser Episode ist die Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte. Im Gegensatz zu den USA ist die Infrastruktur in Europa historisch in nationalen Silos gewachsen. Dies erschwert grenzüberschreitende Aktivitäten und begrenzt die Vorteile von Skalierung und Wettbewerb.
Matthias beschreibt die Marktfragmentierung nicht nur als strukturelles Problem, sondern auch als konkrete Hürde, die die Effizienz und die Investitionskosten beeinflusst. Lidia ergänzt, dass die Post-Trade-Landschaft in Europa im Vergleich zu stärker integrierten Märkten messbare Reibung und Kosten verursacht.
Was das in der Praxis bedeutet: Settlement ist langsam und teuer
In der Episode wird speziell über den Post-Trade-Bereich gesprochen, in dem viele Ineffizienzen besonders sichtbar werden:
- Settlement kann in vielen Kontexten weiterhin T+2 dauern.
- Grenzüberschreitendes Settlement ist besonders teuer und komplex, weil mehrere Intermediäre involviert sind.
- Die kumulierten Infrastrukturkosten wirken sich am Ende auf die Anleger aus, da es zu mehr Reibung, höheren Kosten und zusätzlichen Hürden für grenzüberschreitendes Investieren kommt.
Die beiden ordnen diese operativen Themen auch volkswirtschaftlich ein: Weniger Reibung und geringere Kosten unterstützen die Kapitalbildung, die Innovationsfinanzierung und den langfristigen Vermögensaufbau durch eine stärkere Partizipation von Privatinvestoren.
Das „Window of Opportunity“: politischer Rückenwind trifft auf neue Technologie
Matthias erläutert, warum tiefgreifende Veränderungen typischerweise nur dann stattfinden, wenn zwei Kräfte zusammenkommen:
- Politischer Rückenwind: ein erneuter Fokus auf eine Capital Markets Union und stärker integrierte europäische Kapitalmärkte.
- Technologischer Wandel: DLT als Enabler für eine von Natur aus grenzüberschreitende Infrastruktur, die weniger von nationalen CSD-Silos abhängt.
Betont wird: Innovation in der Marktinfrastruktur funktioniert nur, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt „marktreif“ ist – technologisch, operativ und im regulatorischen Rahmen.
Das Zielbild: Trading unverändert lassen, Settlement-Layer modernisieren
Ein wichtiger operativer Punkt ist, dass die Branche muss nicht „alles neu bauen“ muss, um Fortschritt zu erzielen.
Lidia beschreibt ein Zielbild, in dem das Trading off-chain und weitgehend unverändert bleibt, während das Post-Trade-Settlement (Delivery-versus-Payment, DvP) effizienter wird. Dazu gehören:
- Settlement als zentrale Service-Layer (DvP)
- Flexibilität beim Cash Leg: Integration klassischer Zahlungsrails und digitaler Cash-Optionen (z. B. Stablecoins)
- Ein pragmatischer Adoptionspfad, bei dem Marktteilnehmer über bestehende Rails anbinden können, statt eine komplette Technologie-Transformation starten zu müssen
Die Episode differenziert damit klar zwischen Settlement (hier sind Effizienzgewinne besonders relevant) und Trading (das auf vielen Plattformen bereits gut funktioniert und nicht zwingend on-chain verlagert werden muss).
Offene Architektur: pan-europäische Industrielösung statt geschlossenes Ökosystem
Beide betonen die Bedeutung einer offenen Architektur. Das diskutierte Ziel ist kein vertikales „Single-Vendor-Silo“, sondern eine Settlement-Layer, an die sich verschiedene Marktteilnehmer und Handelsmodelle anbinden können, inklusive Börsen, MTFs und bilateralen/OTC-Flows.
Die Adoption hängt von Lösungen ab, die:
- technologisch pragmatisch sind (nicht ideologisch getrieben)
- kompatibel mit bestehenden Marktstrukturen bleiben
- die operativen und regulatorischen Einstiegshürden für Teilnehmer senken
Ausblick: Wie könnten die Kapitalmärkte in 5–10 Jahren aussehen?
Im Ausblick beschreiben Matthias und Lidia eine Zukunft, in der die Kapitalmarktinfrastruktur:
- europäischer wird (weniger Silos, mehr Interoperabilität)
- effizienter wird (schnelleres Settlement, weniger unnötige Schichten)
- einfacher wird für grenzüberschreitende Teilnahme
Gleichzeitig wird anerkannt, dass bestimmte Rollen und Funktionen für Stabilität und Marktintegrität zentral bleiben. Das Ziel besteht nicht darin, Stabilitätsmechanismen abzubauen, sondern die Post-Trade-Komplexität und die Kosten zu reduzieren.
Kernaussagen
- Europas Kapitalmärkte sind fragmentiert, was die Post-Trade-Kosten erhöht und das grenzüberschreitendes Settlement verkompliziert.
- Settlement kann weiterhin T+2 betragen, wobei es zu Verzögerungen bei der Finalität und der Verfügbarkeit von Liquidität kommen kann.
- DLT eröffnet die Chance für eine offenere, pan-europäische Settlement-Layer.
- Trading kann off-chain bleiben, während das Post-Trade-Settlement durch eine modernisierte Settlement-Layer effizienter wird.
- Geringere Infrastrukturkosten kommen am Ende den Anlegern zugute – durch weniger Reibungsverlust und besseren Zugang.
Gast: Dr. Matthias Voelkel, CEO, Boerse Stuttgart Group
Host: Lidia Kurt, CEO, BX Digital und Seturion
Inside Digital Assets ist ein gemeinsames Projekt von BX Digital und Seturion und beleuchtet Tokenisierung, digitale Assets und die Technologien, die die Zukunft der Kapitalmärkte prägen.
Aktuelles von BX Digital
In der Auftaktfolge von Inside Digital Assets spricht Host Lidia Kurt mit Dr. Matthias Voelkel, über Tokenisierung in den Kapitalmärkten, Post-Trade-Settlement und darüber, warum Europas Marktinfrastruktur weiterhin stark fragmentiert ist.
Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts werden BX Digital und Chartered Investment den Handel und die Abwicklung von tokenisierten Wertpapieren zugänglicher gestalten.