Tokenisierte Wertpapiere bei Banken: Was sich jetzt ändert

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In der neuen Podcast-Episode sprechen Lidia Kurt und Erik Haubold (Head of Private Investor Products für Zentraleuropa bei UniCredit) über die Infrastrukturperspektive, konkrete Use Cases und die Frage, wie Kapitalmärkte in den nächsten Jahren effizienter werden können.

Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung in Wertpapierprozessen, Trading-Umfeldern und Produktstrukturen ordnet Erik ein, was sich für Banken jetzt wirklich verändert und warum Tokenisierung vor allem dann Wirkung entfaltet, wenn Kundinnen und Kunden die technische Komplexität gar nicht spüren.

Warum Tokenisierung für Banken vor allem „im Hintergrund“ relevant ist

Aus Sicht von Banken ist Tokenisierung kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob neue Technologie dabei hilft, Kernanforderungen besser zu erfüllen:

  • Effizienz steigern: weniger manuelle Prozessschritte, weniger Systembrüche, geringere Betriebskosten
  • Risiko reduzieren: robustere Abwicklungsprozesse, weniger Friktion an Schnittstellen
  • Zugang vereinfachen: niedrigere Eintrittshürden und bessere Skalierbarkeit für neue Angebote
  • Standardisierung unterstützen: weniger Fragmentierung in Europa, mehr Interoperabilität

Erik Haubold beschreibt Tokenisierung als ein Feld mit vielen Use Cases, die idealerweise „hinter den Kulissen“ ablaufen. Vergleichbar mit einer perfekt organisierten Lieferkette: Der Kunde erwartet, dass „das Produkt“ zuverlässig verfügbar ist – ohne den Prozess im Detail sehen zu müssen.

Vom Trade Sheet zur DLT: Technologie-Wandel im Wertpapiergeschäft

Ein zentrales Element der Episode ist der Blick zurück: Wie sahen Wertpapierprozesse früher aus und was sagt das über den Wandel heute?

Erik schildert, wie zu Beginn seiner Laufbahn Trades teils noch handschriftlich auf Trade Sheets dokumentiert und anschliessend manuell in verschiedene Systeme übertragen wurden. Dieser Vergleich macht den Kernpunkt greifbar: Der Finanzsektor hat bereits mehrere Technologie-Sprünge erlebt und die Dynamik der Veränderung nimmt weiter zu.

Für Banken ist Tokenisierung deshalb nicht nur „eine neue Produktidee“, sondern potenziell ein neuer Tech-Stack: mit anderen Logiken für Eigentumsübertragung, Prozessautomatisierung und Infrastrukturvernetzung.

Konkrete Use Cases: Custody, bilaterale Lösungen, individuelle Produkte

Welche Anwendungsfälle stehen aus Bankensicht im Fokus?

1) Custody / Verwahrung

Die sichere Verwahrung digitaler Vermögenswerte und tokenisierter Wertpapiere ist eine Schlüsselkomponente für skalierbare Angebote. Custody betrifft nicht nur das Halten von Assets, sondern auch Prozesse rund um Governance, Corporate Actions und regulatorische Anforderungen.

2) Bilaterale und institutionelle Lösungen

DLT kann insbesondere dort Mehrwert liefern, wo heute viele Schnittstellen existieren: zwischen Handel, Clearing, Settlement und Verwahrstellen. Bilaterale Modelle oder kontrollierte Netzwerke können helfen, erste Effizienzgewinne realistisch umzusetzen.

3) Personalisierte Kundenlösungen / neue Produktlogiken

Tokenisierung ermöglicht feinere Granularität und potenziell kosteneffizientere Individualisierung. Das ist relevant für strukturierte Produkte, massgeschneiderte Anlagebausteine oder neue Service-Modelle – ohne zwingend die Nutzeroberfläche komplett neu zu erfinden.

Warum Europa bei Clearing und Settlement ein Infrastruktur-Problem hat

Ein wiederkehrendes Motiv des Gesprächs: Europa ist fragmentiert – insbesondere in Clearing- und Custody-Frameworks. Unterschiedliche Regelwerke, Marktpraktiken und technische Setups machen Standardisierung aufwendig.

Das führt zu drei strukturellen Herausforderungen:

  • Komplexität: Viele parallele Frameworks erhöhen Integrations- und Betriebskosten
  • Trägheit: Veränderungen brauchen länger, weil zu viele Abhängigkeiten bestehen
  • Regulatorischer Aufwand: Gemeinsame Standards sind schwieriger umzusetzen

Eine europaweite DLT-basierte Abwicklungsinfrastruktur kann hier als Fundament dienen: Sie soll Prozesse vereinfachen, beschleunigen und Risiken reduzieren, idealerweise ohne dass der Endkunde den „Maschinenraum“ im Detail verstehen müssen.

Vision: Das „Lebensdepot“ und 24/7-fähige Kapitalmärkte

Ein besonders anschaulicher Teil der Episode ist Eriks Vision eines „Lebensdepots“: ein Depot, in dem langfristige Investments, Liquidität (Cash) und Alltagszahlungen stärker zusammenwachsen. Gedanklich bedeutet das:

  • Vermögen wird integrierter verwaltet
  • Umschichtungen können effizienter ablaufen
  • Transaktionen könnten perspektivisch zeitnäher und breiter verfügbar werden

Wichtig ist dabei die Einordnung: Diese Vision setzt robuste Standards, klare regulatorische Rahmenbedingungen und eine skalierbare Infrastruktur voraus. Tokenisierung wird in diesem Bild nicht zum Selbstzweck, sondern zu einem Baustein, um Investmentzugang, Prozessqualität und Nutzbarkeit zu verbessern.

Skepsis, Missverständnisse und die Rolle von Education

Die Episode greift auch die Realität im Markt auf: Skepsis ist normal, insbesondere wenn neue Technologie erklärungsbedürftig ist und parallel viele andere Themen die Agenda von Banken bestimmen (Regulierung, IT-Modernisierung, Kostendruck, Cyber-Security).

Ein Kernpunkt: Die Diskussion wird leichter, wenn Begriffe sauber getrennt werden.

DLT/Tokenisierung ≠ Bitcoin ≠ „unsichere Währung“.

Damit Adoption gelingt, braucht es konsequente „Übersetzungsarbeit“: konkrete Bilder, klare Schritte und realistische Roadmaps – statt Buzzwords.

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